«Ich fürchte, dass es irgendwann einen Knall geben wird»

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Patrick Rohr

Patrick Rohr – Fotojournalist, selbstständiger Unternehmer und Dozent an der «Fotoacademie» in Amsterdam – verbringt momentan einige Tage in Kenia. Im Auftrag von Biovision schiesst er Bilder für einen Kalender zum 20-jährigen Bestehen der Organisation. Trotz seines vollen Terminplans hat er sich die Zeit genommen, meine Porträt-der-Woche-Fragen für euch zu beantworten. Im Interview erzählt er unter anderem von seiner Arbeit für verschiedene NGOs und von seinen grössten Sorgen.

Name: Patrick Rohr

Alter: 50

Beruf: Ich bin etwa zu fünfzig Prozent als Fotojournalist für NGOs tätig, für welche ich in die verschiedensten Länder reise. Die andere Hälfte meiner Zeit bin ich für meine Kommunikationsberatungsfirma in Zürich tätig. Ausserdem doziere ich an der Fotoschule in Amsterdam, an der ich meine Ausbildung zum Fotografen gemacht habe.

Wohnsituation: Mein Partner und ich wohnen zusammen in einer Vierzimmerwohnung in Zürich und in einer Zweizimmerwohnung in Amsterdam. Da wir beide für NGOs arbeiten und deshalb fast nie zuhause sind, haben wir die Wohnung in Zürich aber mittlerweile untervermietet und nur ein einzelnes Zimmer für uns behalten.

Was ist dein grösster Traum? Ich konnte mir meinen Traum bereits verwirklichen: als Fotojournalist durch die Welt reisen – auch an Orte, die man als Tourist sonst nicht zu sehen kriegt. Das ist für mich ein grosses Geschenk, und es macht mich sehr glücklich.

Was ist dein Lieblingsort in Kenia? Das ist schwer zu sagen. Ich bin zum ersten Mal in Kenia und erst seit vier Tagen im Land. Aber die Gegend hier um den Kakamega-Regenwald gehört auf den ersten Blick mit zu den schönsten Orten, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Das war sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Die Leute hier haben eine unglaublich inspirierende und ansteckende Energie, das gefällt mir sehr.

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Patrick hat die Personen rund um den Kakamega Regenwald sofort ins Herz geschlossen.

Womit hast du dein erstes Geld verdient? Als ich acht Jahre alt war, beschloss ich, Journalist zu werden. Da mich damals aus naheliegenden Gründen noch keine Zeitung anstellen wollte, kreierte ich mein eigenes Heft. Mein Grossvater arbeitete auf der Gemeinde, in der ich aufwuchs. Nach Büroschluss schlichen wir uns jeweils ins Büro des Gemeindeschreibers, wo ein Umdrucker stand, und dort druckten wir dann meine Hefte gewissermassen auf Kosten der Gemeinde (lacht). Ich veröffentlichte Interviews mit Personen aus dem Dorf oder Tipps zum Gärtnern und zeichnete Comics. Das Heft verkaufte für fünf Rappen pro Stück – als ich in der 6. Klasse war, war ich bei 50 Rappen angekommen. Irgendwann hatte ich CHF 400.- in meinem Kässeli, so dass ich auf dem Flohmarkt meinen eigenen Umdrucker und Farbmatrizen kaufen konnte und nicht mehr auf Kosten der Steuerzahler produzieren musste.

Wie verläuft ein gewöhnlicher Wochentag bei dir? Bei mir gibt es keinen gewöhnlichen Wochentag; jeder Tag ist anders. Wenn ich in Zürich bin, verbringe ich ab und zu Zeit im Büro, wo ich mit meinem festen und unseren freien Mitarbeitern die kommenden Aufträge bespreche. Meist aber stehe ich als Moderator von Anlässen auf einer Bühne oder zum Beispiel als Medientrainer vor der Geschäftsleitung einer Firma. Wenn ich unterwegs bin, so wie jetzt, stehe ich meistens vor 6 Uhr früh auf, weil am Morgen das Licht zum Fotografieren am besten ist. Ich esse das Frühstück und nehme eine Dusche. Und danach geht der Tag so richtig los, mit Interviews, vielen Fotos – manchmal sind es über 1000 an einem Tag – und natürlich sehr vielen spannenden Eindrücken aus anderen Welten. Manchmal muss an solchen Tagen das Mittagessen dran glauben und ich greife auf meinen Notproviant zurück. Dieser besteht aus Reiswaffeln und Frucht- und Gemüsestängeln – ohne Zuckerzusatz, darauf achte ich. Am Nachmittag geht die Arbeit weiter. Wenn ich abends im Hotel ankomme, sichere ich als allererstes meine Fotos. Danach mache ich eine grobe Selektion der Bilder; schaue, ob die Geschichten, die ich erzählen will, auch wirklich funktionieren. Schlafen gehe ich meist erst um Mitternacht. Wobei, gestern bin ich, glaube ich, schon um 23:00 Uhr eingeschlafen – mit dem Handy in der Hand und dem Laptop auf dem Schoss.

Hast du schon einmal Entwicklungszusammenarbeit in der Praxis erlebt? Und wenn ja: Was war daran positiv, was negativ? Ja, als Fotograf für Entwicklungszusammenarbeitsorganisationen wie Biovision, Helvetas und andere erlebe ich natürlich viele Beispiele von Entwicklungszusammenarbeit. Mich beeindruckt, wie komplex, wirksam und nachhaltig die moderne Entwicklungszusammenarbeit ist. Sie greift viel tiefer, als viele Menschen denken. Zu sehen, wie hier in der Gegend um Kakamega Kleinbäuerinnen und -bauern mit Überzeugung biologischen Landbau betreiben, begeistert mich. Mir gefällt auch, wie durch die Entwicklungszusammenarbeit gerade in Ländern, in denen die Menschen wenig Rechte haben, die Zivilgesellschaft, die Stellung der Frau und das Unternehmertum gefördert werden.

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Patrick Rohr erfährt im Interview mit einem Kleinbauern aus erster Hand, was die Arbeit von Biovision bewirkt.

Problematisch sind für mich zwei Punkte: Aus naheliegenden – finanziellen – Gründen sind grossartige Projekte häufig räumlich begrenzt. Ich denke oft: Diese Idee sollte man in die Welt hinaustragen! Deshalb finde ich es gut, wenn eine Organisation wie die Ruedi Lüthy Foundation, in deren Stiftungsrat ich acht Jahre war, ihr Wissen verbreitet. Diese Stiftung betreibt in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, eine Klinik für HIV- und Aidspatienten. Sie startete mit 500 Patienten und behandelt heute über 6000. In einem Land mit über einer Million HIV-Betroffenen ist das natürlich immer noch ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber mittlerweile bildet die Ruedi Lüthy Foundation jedes Jahr Hunderte von Pflegefachleuten aus dem ganzen Land aus und verbreitet so ihr Wissen. Auch Biovision verbreitet ihr Wissen – über Radiosendungen, Podcasts, Social Media und eine Zeitung für die Bäuerinnen und Bauern. Fantastisch, dieser Skaleneffekt!

Ein anderes Problem ist aus meiner Sicht, dass es in der Entwicklungszusammenarbeit «Hotspot-Länder» gibt, auf die sich alle Organisationen stürzen, während andere, weniger «attraktive», fast oder ganz vergessen gehen. Nepal ist zum Beispiel eines der Länder, in denen wohl fast jede NGO in einer Form tätig ist, während andere, zum Beispiel nach jahrelangen, zermürbenden und komplexen Kriegen, von der Weltöffentlichkeit und damit auch von den NGOs vergessen werden. Für dieses Problem habe auch ich keine Lösung; ich verstehe, dass eine Organisation ihre Projekte in Ländern lancieren muss, für die die Menschen bereit sind zu spenden. Und das ist natürlich leichter möglich, wenn ein Land eine gewisse Aufmerksamkeit geniesst.

Was bereitet dir am meisten Sorgen? Die Welt ist aus den Fugen geraten. Die Globalisierung und die Digitalisierung tragen ihren Teil dazu bei, alles ist in Bewegung geraten, wir stehen vor einer neuen Weltordnung. Durch die gewaltigen Migrationsbewegungen entstehen aber auch Spannungen weltweit, die USA und Europa schotten sich ab, an anderen Ort gibt es grausame Kriege. All das geschieht sehr schnell, und niemand hat mehr den Überblick. Ich fürchte, dass es irgendwann einen Knall geben wird – beispielsweise einen grossen Krieg. Ich lebe zum Glück sehr angstfrei, aber das macht mir ab und zu Sorgen.

Was wünschst du dir für dein Land? Ich wünsche mir, dass wir Schweizerinnen und Schweizer lernen, mit weniger zu leben und bewusster zu konsumieren. Dass wir nicht unseren Reichtum auf Kosten der Armen vermehren, sondern weniger egoistisch sind und uns für eine gerechtere Verteilung auf der Welt einsetzen.

3 Gedanken zu „«Ich fürchte, dass es irgendwann einen Knall geben wird»

  1. Vielen herzlichen Dank für dieses lebendige Interview, gerade auch die so ehrliche persönliche Meinung zu unserer Weltsituation von Herrn Rohr berührt mich positv. Er, der in der ganzen Welt zu Hause ist, macht sich keine Illusionen.. und damit Neues werden kann nach dem grossen Knall ist es so wichtig, was Biovision und Helvetas den Menschen beibringen. Da helfe ich nach wie vor gerne mit.

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