Ein Beruf, zwei Personen

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Werson Siema (links) und Bonface Mujikha Awiwoka (rechts)

Im neuesten Porträt der Woche lernt ihr gleich zwei Personen näher kennen. Werson Siema und Bonface Mujikha Awiwoka arbeiten beide in der Muliru Farmers Office und extrahieren dort Pflanzenöle für die Weiterverarbeitung zu Medizinprodukten. Obwohl ihr Arbeitsalltag also praktisch identisch aussieht, führen die beiden doch ein sehr unterschiedliches Leben und haben auch verschiedene Visionen für ihr Land.

Name: Werson Siema und Bonface Mujikha Awiwoka

Alter: Werson: 19, Bonface: 35

Beruf:
Werson: Ich arbeite in der Muliru Farmers Office als Maschinenführer.
Bonface: Ich bin Maschinenführer in der Muliru Farmers Office und betätige mich auch im Marketing der Medizinprodukte.

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Das ist der Hydrodestillator, mit welchem aus Medizinalpflanzen Öl gewonnen wird. Zuerst werden die Pflanzenteile zusammen mit Wasser im grossen Behälter rechts aufgekocht; der dabei entstehende Dampf wird dann über das Rohr in den Kondensator links geleitet. Dieser wird mit Wasser gekühlt, so dass der heisse Dampf kondensiert und ein Gemisch aus Wasser und Öl in den Krug fliesst. Dort werden Wasser und Öl aufgrund ihrer unterschiedlichen Dichte getrennt. In den Eimer fliesst nur das Wasser, während das Öl im Krug bleibt.

Wohnsituation:
Werson: Ich wohne zusammen mit meinen Eltern und meinen drei Geschwistern auf einer Farm beim Kakamega Regenwald. Wir haben insgesamt drei Lehmhäuser: Eines bewohne ich gemeinsam mit meinem Bruder, das hat zwei Räume. Das zweite, dreiräumige Haus gehört meinem Vater und den zwei Schwestern und das dritte Haus besteht aus nur einem Raum: der Küche.
Bonface: Auch ich lebe auf einer Farm mit drei Lehmhäusern, eines davon ist ebenfalls die Küche. Das zweite hat vier Räume und gehört meiner Mutter und meinen drei Kindern. Und das dritte, mit ebenfalls vier Räumen, bewohne ich gemeinsam mit meiner Frau.

Was ist dein grösster Traum?
Werson: Ich würde gerne aufs College gehen und irgendwann Elektroingenieur werden.
Bonface: Ich wäre gerne ein Pflanzenexperte.

Was ist dein Lieblingsort in Kenia?
Werson: Nairobi. Ich war zwar noch nie dort, aber ich stelle mir vor, dass es dort viele Arbeitsmöglichkeiten gibt.
Bonface: Dieser hier! Der Kakamega Regenwald ist so schön, die Umwelt besser als in den Städten und hier kann man etwas bewegen, in dem man sich beispielsweise in der Umweltbildung an Schulen engagiert.

Womit hast du dein erstes Geld verdient?
Werson: Das hier ist mein erster Job; ich habe erst dieses Jahr hier angefangen.
Bonface: Auch ich habe hier mein erstes Geld verdient. Ich arbeite seit 2003 in der Muliru Farmers Office, habe also mit 20 Jahren mit der Arbeit als Maschinenexperte begonnen.

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Bonface schüttet Wasser ab, damit er das Öl im Krug ins Lager bringen kann.

Wie verläuft ein gewöhnlicher Wochentag bei dir?
Werson: Normalerweise stehe ich morgens um 6 Uhr auf, esse Frühstück und gehe dann um 7:20 Uhr zu Fuss zur Muliru Farmers Office. Dort ziehe ich meine Arbeitskleidung an und starte dann den ersten Durchlauf der Hydrodestillations-Maschine. Am Mittag gehe ich nach Hause zum Essen, danach arbeite ich bis etwa um 17:30 Uhr. Wenn ich nach Hause komme, helfe ich dabei, die Farm aufzuräumen und danach esse ich mit der Familie zu Abend. Nachdem ich die Nachrichten am Fernsehen geschaut habe, gehe ich schlafen.
Bonface: Ich stehe um 5 Uhr auf, erledige meine Körperpflege und schaue dann nach den Tieren. Wir haben auf unserer Farm Kühe, Hunde, Katzen und Hühner. Um 6 Uhr fahre ich meine Kinder mit meinem Motorrad zur Schule. Danach betätige ich mich als «bodaboda», das heisst, ich transportiere Personen von A nach B mit meinem Motorrad. Etwa um 10 Uhr übernehme ich die Arbeit von Werson; wenn er vom Mittagessen zurückkommt, kann ich nach Hause gehen und essen. Danach helfe ich Werson, die Arbeit abzuschliessen, also alles zu reinigen etc. Die Stunde von 17:30 bis 18:30 Uhr widme ich dem Verkauf unserer Produkte. Ich fahre mit dem Motorrad durch die Gegend und versuche, die Salben an den Mann oder an die Frau zu bringen. Manchmal kann ich auch einige Produkte in Apotheken verkaufen. An einem guten Tag verkaufe ich über 100 Salben, an einem schlechten Tag keine einzige. Danach gehe ich nach Hause, wasche das Motorrad, schaue die Nachrichten im Fernsehen und esse dann mit der Familie zu Abend. Wenn es einen Fussballmatch gibt, schaue ich manchmal noch länger fern, so bis um 12 Uhr nachts. Danach gehe ich ins Bett.

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Werson (rechts) und Bonface (links) betrachten kritisch die Medizinalpflanze im Garten der Muliru Farmers Office.

Hast du schon einmal Entwicklungszusammenarbeit in der Praxis erlebt? Und wenn ja: Was war daran positiv, was negativ?
Werson: Ja, wir beide arbeiten ja direkt in einem Entwicklungszusammenarbeitsprojekt. Als positiv würde ich einstufen, dass die Produkte, wie beispielsweise die Salbe, zu fairen Preisen verkauft werden und wir so für die Gesundheit der Menschen hier etwas Gutes tun. Auch finde ich es toll, dass es hier Arbeitsplätze gibt; es ist ein offener Platz und theoretisch könnte hier jede/r zu arbeiten beginnen. Für mich ganz persönlich bringt die Arbeit hier auch den Vorteil, dass ich mein Handy laden kann – weil zuhause haben wir keinen Strom. Um etwas über Herausforderungen in der Entwicklungszusammenarbeit sagen zu können, arbeite ich noch zu kurz hier.
Bonface: Eine Herausforderung ist in unserem konkreten Fall das Marketing: Wir verfügen über zu wenig Geld, um Werbung für unsere Produkte zu machen, also kennen sie nur wenige Leute. Was aber positiv ist: Die Kleinbauern und -bäuerinnen können mit der Produktion von Medizinpflanzen gutes Geld verdienen.

Was bereitet dir am meisten Sorgen?
Werson: Mich beschäftigt, wie es möglich sein könnte, dass ich das College besuche. Das Geld, was ich dank der Arbeit hier sparen kann, reicht alleine nicht aus, und ich bräuchte noch weitere Unterstützung.
Bonface: Ich mache mir Sorgen, weil die Schulkosten für meine Kinder sehr hoch sind. Ich muss einen Weg finden, dass wir genügend Geld haben. Deswegen arbeite ich auch als «bodaboda».

Was wünschst du dir für dein Land?
Werson: Ich würde mir mehr internationale Universitäten und bessere Schulen wünschen. Im Optimalfall zu geringeren Preisen.
Bonface: Ich würde mir wünschen, dass Kenia besser in den internationalen Handel integriert ist. Es wäre auch super, wenn unser kleines Unternehmen hier eine richtige grosse, internationale Firma werden würde.

4 Gedanken zu „Ein Beruf, zwei Personen

  1. Deine Portraits sind sehr eindrücklich!
    Ich staune immer wieder, was diese Menschen alles leisten und wie lange ihre Arbeitstage sind.
    Dass bei uns die Schulen gratis und weiterführende Schulen auch für kleine Einkommen möglich sind, ist schon ein riesiges Privileg.
    Entwicklungszusammenarbeit wird es noch lange brauchen….

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Wohnen im Lehmhaus | Daria in Kenia

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